Postwachstum & Degrowth

Darum geht’s: 

Degrowth (auch: Postwachstum) stellt das Wirtschaftswachstum als zentrales gesellschaftliches Ziel infrage. Vertreter*innen des Ansatzes kritisieren, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) kein geeigneter Indikator für gesellschaftliches Wohlergehen ist. Dass BIP sage nichts darüber aus, wie Wohlstand verteilt ist oder ob ökologische Grenzen eingehalten werden. Denn: Wirtschaftswachstum bedeutet fast immer auch mehr Ressourcenverbrauch.

Degrowth fragt deshalb nicht nur: „Wie viel Wachstum ist möglich?“, sondern: „Wie sieht ein gutes Leben für alle aus – ohne dabei die Umwelt zu zerstören?“
Statt auf eine einzelne Lösung zu setzen, vereint Degrowth viele Konzepte, die alternative Formen des Wirtschaftens und Zusammenlebens vorschlagen. Dazu zählen z. B. die Kreislaufgesellschaft, die Care-Ökonomie oder Commons (gemeinsam genutzte Güter). 

Degrowth stellt viele Gewissheiten unserer Gesellschaft infrage – etwa die Vorstellung, dass mehr Konsum automatisch mehr Lebensqualität bringt. Der Begriff „Degrowth“ klingt nach Verzicht, dabei gibt es viele Bereiche, die wachsen sollen: 

  • erneuerbarer Energien
  • ökologische öffentliche Infrastrukturen (Bahn, E-Ladeinfrastuktur, Parkflächen, etc.)
  • Mehr Bildungs- und Pflegeeinrichtungen (auch Schulen, Bibliotheken, Repair Cafés etc.)
  • Biodiversität
  • Stärkung von Demokratie, Teilhabe, Empathie und Gemeinschaft

Wirtschaftsverständnis

Degrowth stellt das kapitalistische System mit seinem Wachstumszwang grundsätzlich infrage. Statt ständig mehr zu produzieren und zu konsumieren, geht es um die Frage: „Was brauchen Menschen wirklich?“ – für ein Leben in Würde, Freiheit und sozialer Sicherheit. Dabei werden neue Institutionen und Praktiken erprobt, die mit weniger Ressourcenverbrauch auskommen und eine gerechtere Verteilung ermöglichen.

Soziale Gerechtigkeit

Soziale Gerechtigkeit ist ein Kernanliegen von Degrowth. Ansätze dafür sind u.a.:

  • Verteilung von Einkommen und Vermögen
  • Sicherung von Grundbedürfnissen (z. B. durch ein Grundeinkommen), Deckelung durch Maximaleinkommen
  • Gerechte Verteilung von Care-Arbeit und Erwerbsarbeit
  • Globale Gerechtigkeit zwischen Nord und Süd

Degrowth betont Werte wie Solidarität, Kooperation, Selbstbestimmung und Zeitwohlstand. Die sogenannte „4-1-Perspektive“ kann als Kompass dienen, wie wir Zeit nutzen. Die Einteilung wertet Tätigkeiten jenseits der Erwerbsarbeit auf und verteilt Zeit gleichwertig auf diese vier Bereiche: Sorgearbeit, Ehrenamt, Bildung und Zeit für sich selbst sowie für Erwerbsarbeit (20 Stunden-Woche). 

Ebene des Wandels

Der Ansatz zielt nicht auf individuelles Glück, sondern versteht sich als breiter, demokratischer Beteiligungsprozess. Degrowth will gesellschaftliche Normen hinterfragen und neue Handlungsspielräume eröffnen – nicht durch schnelle Lösungen, sondern durch gemeinsames Erproben und Weiterentwickeln alternativer Lebens- und Wirtschaftsformen. Viele Degrowth-Initiativen entstehen in Reallaboren, Nachbarschaftsprojekten oder gemeinschaftlichen Wohn- und Arbeitsformen. Sie zeigen, dass andere Formen des Wirtschaftens möglich sind – jenseits von Konsumdruck und Konkurrenz. Die große Herausforderung liegt darin, aus kleinen Projekten gesellschaftliche Dynamiken entstehen zu lassen – und die Idee aus der Nische in den politischen Mainstream zu bringen.