Buen vivir
Darum geht’s
Buen Vivir („gutes Leben“) ist ein Konzept aus lateinamerikanischen Kontexten, insbesondere Ecuador und Bolivien, das indigene Weltanschauungen mit politischen Transformationszielen verbindet. Es stellt westliche Vorstellungen von Entwicklung, Fortschritt und Wachstum infrage. Statt Wachstum und extraktivistischer Nutzung von Naturressourcen stehen Harmonie mit der Natur, kollektives Wohlergehen und Rechte der Natur im Zentrum. Der Mensch ist Teil eines zyklischen Lebensprozesses und nicht Herr über die Natur. Entwicklung wird nicht in Stufen (unterentwickelt/entwickelt) gedacht, sondern als kulturell vielfältiger und nicht-linearer Weg.
Buen Vivir fordert eine Entwicklung, die nicht über das Maß der Regeneration hinausgeht und auf kulturelle Vielfalt, soziale Gleichheit und territoriale Autonomie achtet.
Wirtschaftsverständnis
Buen Vivir basiert auf einer postkapitalistischen Logik: Es geht nicht um ökonomisches Wachstum, sondern um Suffizienz, lokale Selbstversorgung und pluralökonomische Ansätze. Wirtschaft wird als ein Teil gesellschaftlicher Reproduktion verstanden, nicht als dominanter Sektor. Extraktivistische Wirtschaftsformen (z. B. Rohstoffexporte) stehen im Widerspruch zu dieser Logik, werden aber in der Praxis oft als Übergangsstrategie genutzt.
Soziale Gerechtigkeit
Das Konzept strebt ein gutes Leben für alle an – auf der Grundlage von sozialer Gleichheit, Solidarität und kollektiven Rechten. Dabei wird:
- die Vielfalt von Lebensweisen anerkannt,
- Plurinationalität betont (Anerkennung verschiedener indigener Nationen),
- und Partizipation marginalisierter Gruppen gefordert.
Gleichzeitig zeigt sich in der politischen Umsetzung oft ein Spannungsverhältnis zwischen Umverteilung, Staatsinteressen und indigenen Forderungen.
Ebene des Wandels
Buen Vivir wurde in Ecuador (2008) und Bolivien (2009) in die Verfassungen aufgenommen und dadurch politisch sichtbar. Strategien umfassen:
- Rechte der Natur (Pachamama) als Verfassungsprinzip
- Entwicklung nationaler Pläne („Plan Nacional para el Buen Vivir“)
- Förderung von gemeinwohlorientierten Wirtschaftsformen
- Betonung von kultureller und ökologischer Diversität
Doch: Der politische Umgang mit Buen Vivir ist ambivalent – oft werden Elemente selektiv übernommen oder als rhetorisches Instrument genutzt.